Wir machen es uns ja so leicht mit den anderen Menschen.
Wir stumpfen uns gänzlich ab und meinen, wenn wir gegen jemand keine bösen Gedanken hegen, dann sei das eben dasselbe als hätten wir ihm vergeben – und wir übersehen dabei ganz, daß wir keine guten Gedanken über ihn haben – und vergeben, das könnte doch heißen, lauter gute Gedanken über ihn haben, ihn tragen, wo wir nur können. Und das gerade umgehen wir, – wir tragen den andern Menschen nicht, sondern wir gehen neben ihm her und gewöhnen uns an sein Schweigen, ja nehmen ihn garnicht ernst – aber aufs Tragen gerade kommt es an – den andern in allen Stücken tragen, in allen seinen schwierigen und unangenehmen Seiten, und sein Unrecht und seine Sünde gegen mich – schweigen, tragen und lieben ohne aufhören, – das käme dem Vergeben nahe.

… Vergebung ist ohne Anfang und Ende, sie geschieht täglich unaufhörlich, denn sie kommt von Gott. Das ist Befreiung aus allem krampfhaften im Zusammensein mit dem Nächsten, denn hier werden wir befreit von uns selbst, hier dürfen wir alles eigene Recht aufgeben und dem andern allein helfen und dienen.

Dietrich Bonhoeffer